Wie Roboter einmal in der Pflege helfen könnten

Professor Dr. Ipke Wachsmuth befasst sich am CITEC mit Künstlicher Intelligenz

Der 68-Jährige forscht beim Exzellenzcluster CITEC insbesondere zu ethischen Fragen in der Robotik. Dabei geht es auch um Chancen und Grenzen von Künstlicher Intelligenz – beispielsweise bei der Frage, ob Roboter dazu beitragen können, den Pflegenotstand in der Zukunft einzudämmen.

Roboter in der Pflege: Ein Benutzer überträgt mit Hilfe vom Pflegeroboter Care-O-bot des Fraunhofer Institut IPA die Messergebnisse. Dass er sich einmal für Roboter in der Pflege einsetzen würde, hätte Ipke Wachsmuth früher selbst nicht gedacht. Noch vor 30 Jahren hatte der jetzt emeritierte Professor sich vehement dagegen ausgesprochen, Roboter in Altenheimen einzusetzen. Heute aber sieht er das anders. Das liegt auch an den Erfahrungen, die im er Lauf der letzten Jahre gemacht hat.

„Viele Menschen sind einem Pflegeroboter gegenüber gar nicht mehr so abgeneigt, wenn sie dadurch eigenständig bleiben könnten“, sagt er. Dabei denkt er auch an seine eigene Verwandtschaft. Eine Tante von ihm verbrachte ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim. Dort wurde sie 92 Jahre alt, war aber zuletzt bettlägerig. „Bei der Pflege geht es immer auch um Fragen der Würde“, sagt Wachsmuth, der am CITEC zu ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz forscht.

Die Tante war zuletzt auf Windeln angewiesen. „Ich habe viel mit ihr telefoniert“, sagt Wachsmuth. Dabei sagte die Tante: „Jetzt haben sie mir die Würde genommen. Ich muss warten, bis jemand kommt und mir die Windel wechselt.“ Mit solchen Erfahrungen ist die Tante nicht alleine. „Ich habe oft ähnliche Äußerungen gehört“, sagt der 68-Jährige. Zum Beispiel: „Ich würde mir im Alter lieber von einem Roboter beim Anziehen helfen lassen, als mich vor einem fremden Pfleger nackt zu zeigen.“ Viele Menschen wollen auch ihren Angehörigen nicht zur Last fallen und könnten deshalb einmal von einem Roboter profitieren, der solche Aufgaben übernimmt, sagt Wachsmuth.

Es fehlt an Pflegekräften und alte Menschen sind zudem oft einsam

Dass sich in der Pflege etwas ändern muss, ist klar: Die Gesellschaft in Deutschland wird immer älter – und zugleich sinkt die Geburtenrate, sodass der Anteil älterer Menschen immer größer wird. Ein weiteres Problem betrifft Einsamkeit im Alter. Laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen leben bereits jetzt in Deutschland knapp zwei Millionen Menschen allein, die älter als 80 Jahre sind. Jeder vierte alte Mensch bekommt nur einmal im Monat Besuch von Freunden oder Bekannten. Oft hält nur der Pflegedienst den Kontakt zur Außenwelt.
Wie aber kann man diesem Trend begegnen, der sich in Zukunft weiter verschärfen wird? „Es wird leider nur wenig helfen, mehr junge Menschen ins Land zu holen oder mehr Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Wachsmuth. „Auf lange Sicht lässt sich auch damit nicht aufhalten, dass unsere Gesellschaft altert und schrumpft.“

Was also ist zu tun? Welche Rolle könnten Roboter übernehmen? Zum einen könnten sie ganz praktisch die Pflegekräfte bei ihrer Arbeit entlasten, sagt Wachsmuth. Sie könnten zum Beispiel Menschen umbetten, Windeln wechseln oder jemanden baden. Aber die Entwicklung geht darüber hinaus: Bereits jetzt werden Roboter entwickelt, die auf eine gewisse Weise soziales Verhalten simulieren.

Roboter könnten auch bestimmte soziale Leistungen übernehmen

Prof. Dr. Ipke Wachsmuth mit der Roboterrobbe „Paro“ Dazu zählt zum Beispiel die Roboterrobbe „Paro“, die aus Japan stammt und inzwischen auch in mehr als 40 Pflegeeinrichtungen in Deutschland eingesetzt wird. „Sie zeigt Freude, wenn jemand sie streichelt oder sie ein Gesicht wiedererkennt“, sagt Wachsmuth. „In Videodokumentationen habe ich selbst gesehen, wie demente Menschen sich ihr gegenüber plötzlich geöffnet haben, und nicht nur das, sondern auch ihren Mitmenschen gegenüber, denen sie vorher verschlossen geblieben waren.“

Was also wäre, wenn Roboter nicht nur reine Pflegetätigkeiten übernähmen, sondern auch eine soziale Leistung erbrächten und älteren Menschen die Einsamkeit nähmen? Wäre das ethisch vertretbar? Oder wäre das nicht eine Täuschung? Ist es beispielsweise vertretbar, wenn jemand dement ist und glaubt, dass ihm jemand zuhört, das Gegenüber aber in Wirklichkeit ein Roboter ohne Gefühle und Bewusstsein ist?

Ipke Wachsmuth glaubt: In einem bestimmten Rahmen ja. Schließlich handelten Ärzte und Pflegekräfte in gewisser Weise ähnlich. „Zum professionellen Handeln gehört es bei ihnen, dass sie das Leiden der Patienten nicht an sich heranlassen, aber den Eindruck der Zuwendung geben“, sagt er. „Letztlich ist auch das ein ,so tun als ob‘“. Daher stelle sich die Frage, ob dies nicht auch bei einem Roboter vertretbar sei, wenn es einem bedürftigen Menschen dadurch besser gehe.

Ein Roboter hat 24 Stunden am Tag Zeit – ein Pflegedienst kommt nur kurz

Auf jeden Fall bieten Roboter laut Wachsmuth eine Chance, dem Pflegenotstand entgegenzuwirken. „Wir sollten sie als eine Option für die Zukunft begreifen“, sagt er. Die Wünsche der Menschen an einen Pflegeroboter seien ganz unterschiedlich. „Einige wollen vielleicht, dass er nur grundlegende Pflegeaufgaben übernimmt, andere möchten aber auch unterhalten werden.“

Hinzu kommt noch: Ein Pflegedienst kommt meistens nur einmal am Tag. Die Zeit ist immer knapp, vielleicht kann ein Mensch nicht mehr alleine essen, muss gebadet werden oder unter Aufsicht Medikamente einnehmen. Zeit, um in Ruhe miteinander zu sprechen, bleibt dabei kaum. Ein Roboter aber, der hätte 24 Stunden am Tag Zeit. Das könnte auch pflegende Angehörige entlasten: Sie müssten keine Routineaufgaben mehr übernehmen, sondern könnten sich mit ihren Verwandten unterhalten und ihnen Nähe schenken.

Zur Person:
Prof. Dr. Ipke Wachsmuth Der emeritierte Professor Dr. Ipke Wachsmuth hat an der Universität Bielefeld 25 Jahre lang das Fach Künstliche Intelligenz gelehrt und befasst sich jetzt am Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) mit ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz und Robotik.

Kontakt:
Ipke Wachsmuth, Universität Bielefeld
Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC)
Telefon: 0521 106-12129, Sekretariat 0521 106-12153
E-Mail: ipke.wachsmuth@uni-bielefeld.de

Autorin des Artikels: Maria Berentzen